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Contortion Stories

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Are you a creative writer? Then send me your contortion story. It could be:
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- Real experiences
- Fantasy
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- Erotic
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IMPORTANT! The story must have a flexibility and contortion theme. Your story can be written in German, English or French. It should contain more than 1000 words. Each new story will be rewarded with a free (month’s) membership to Zlata.de
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Orla

Story only in German available Use Google for Translation Órla eine Geschichte von Scyllarides inspiriert von Zlata Sie waren aus dem Nebel gekommen. Adrick stand auf der Mauer über dem Tor und betrachtete den kleine Zug von Wagen, die vom Moor her langsam näher kamen. Waren es Händler? Suchten sie Schutz, wollten sie vor der Burg ihre Waren feilbieten, oder würden sie an der Kreuzung abbiegen und wieder im Dunst verschwinden? Wer auch immer sie waren, gewiss hatten sie mehr von der Erdscheibe gesehen als er. Das immerhin konnte sich bald ändern. Kein Monat mehr, und er würde zum Ritter geschlagen, und die Welt stand ihm offen. Die Welt und sonst gar nichts, ihm, dem Ritter Ohneland, dem zweiten Sohn. Nun standen sie unter ihm und verhandelten mit den Wächtern um Einlass in die Burg. Es waren Gaukler! Die drei kleinen Wagons waren bunt gestrichen, voll seltsamer Bilder und Zeichen. Nur der vordere wurde von einem Pferd gezogen, und es sah schäbig und altersschwach aus, die anderen von abgemagerten Ochsen. Auf dem Dach ersten Wagens lag bäuchlings ein Mädchen in einem Kleid aus Sackleinen, mit nackten Füßen und bloßen Armen. Ihre langen, blonden Locken flossen über die Bretter, und als ob sie seinen Blick gespürt hätte, hob sie nun den Kopf und blickte zu ihm hinauf. Adrick lächelte zurück, und spürte im selben Moment ein Schlag auf seinen Rücken. „Süß, die kleine“, stellte Sir Roderick fest. „Die werde ich mir vornehmen, heute Abend, du wirst schon sehen. Oder eine andere von den Gauklerdirnen, was auch immer sie in ihren Karren verstecken.“ Lachend ging er weiter. Noch war Adrick sein Knappe, und er konnte nichts sagen. Aber in solchen Augenblicken verabscheute er seinen alten Herrn. Jetzt wurden die Tore geöffnet, und der kleine Tross setzte sich in Bewegung. Heute Abend würde es Zirkus geben, oder Theater, oder was immer die Gaukler zu bieten hatten. Und ehe sie unter dem Torbogen verschwand, lächelte das Mädchen auf dem Dach ihm noch einmal zu! Dann klapperten die Räder auf dem Pflaster im Inneren der Burg, und Adrick eilte auf die andere Seite der Mauerkrone. Sie wendeten, bildeten ein Dreieck mit einem kleinen Hof in der Mitte. Geschäftiges Treiben setzte ein, die Tiere wurden abgespannt, Kisten ausgeladen. Das Mädchen, noch immer auf dem Bauch auf dem Dach liegend, sah eine kurze Weile zu, dann hob sie ihre Beine, bog den Rücken nach oben durch, und ließ ihre Beine über den Rand baumeln, so dass ihr Kopf zwischen den Oberschenkeln war. Ihr Kleid war erschreckend oben gerutscht! Dann lag nur noch ihr Kinn auf dem Wagendach, die Füße standen auf dem Kutschbock, und mit einer fließenden Bewegung streckte sie ihren Körper und stand für einen Augenblick, ehe sie durch ein kleines Fenster schlangengleich in den Wagen tauchte. Adrick starrte auf die Luke, durch die sie verschwunden war, als wäre er aus einem Traum erwacht, den er nicht aufgeben wollte. Sie war zu schön um real zu sein! Bald ging die Meldung wie ein Lauffeuer durch die Burg: in der Dämmerung sollte es eine Vorstellung in Burghof geben, für die Knechte und gemeine Volk, und danach ein Bankett im großen Saal. Doch außerstande, sich so lange zu gedulden, fand Adrick Ausreden, sich im Hof herumzudrücken, und er versuchte geschäftig zu wirken, nicht wie die anderen Gecken auf die Artisten und ihre Frauen zu starren. Mehr als zweimal prüfte er die Hufeisen von Rodericks schwarzem Streitross und seinem Schimmel. Dann wartete er mit den anderen neugierigen anderen Knappen beim Schmied, sorgfältig darauf bedacht, ungeduldig weiterzugehen, ehe man ihn fragen konnte, was er wollte, und er schaute über den Hof, als suche er jemanden oder etwas, während seine Augen doch immer nur auf den Besuchern ruhten. Sie waren ein seltsames Volk, mit bunten, fremdländischen Kleidern, langen Haaren und Zöpfen, mit Tätowierungen und Narben und merkwürdigen Bärten. Ihre Frauen trugen Kleider, die gerade so als anständig durchgingen, und glitzernden Schmuck, von dem er wusste, dass es Tand sein musste, den anderes konnten sie sich bei ihrem Stand schließlich nicht leisten. Da waren ein Zwerg und ein muskulöser Riese, ein Greis mit einem fast zum Boden reichenden Bart, und Gesichter und Hautfarben, die er keinem Volk zuordnen konnte. Es war, als sei die Welt zu Besuch gekommen, um ihm zu sagen, dass sie weit größer und prächtiger war, als er es sich hier in der Burg zwischen Heide und Moor erträumen konnte. Nur eines fehlte: das seltsam gelenkige Mädchen. Trotz der Geschäftigkeit beim Aufbau der Bühne konnte er sie nirgends entdecken. War sie im Wagen geblieben, oder hatte er sie sich nur eingebildet? In seiner Erinnerung erschien sie ihm nun fast normal zwischen den exotischen Gauklern. Konnte sie wirklich zu ihnen gehören? Die Bühne wuchs immer weiter, jedes Mal, wenn er hinsah, war ein wenig mehr fertig geworden, das Podest, die Kulissen, dann hing der Vorhang und die Fahnen, und Adrick fragte sich, wie das alles wohl in den kleinen Wagen Platz gefunden hatte. Und noch etwas war seltsam: alle wirkten beschäftigt, doch wenn er hinsah, hatte keiner von ihnen etwas zu tun. Sie hielten Werkzeuge in den Händen, sie schienen sich Anweisungen zu geben, doch keiner arbeite in ersichtlicher Weise am Bühnenaufbau. Natürlich musste er sich täuschen. Sie waren ein eingespieltes Team, und was verstand er schon von ihrem Geschäft? Das fahrende Volk lebte in einer Welt des Müßigganges, die alles andere als gottgefällig war, so hatte Vater Franziskus mehr als einmal gemahnt. Er hatte schon aufgegeben, sie wiederzufinden, und er war auf dem Weg zu seiner Kammer, als er ganz plötzlich vor ihr stand. Sie kam vom Brunnen zurück, einen großen Krug Wasser im Arm, und er hätte sie fast umgestoßen. „Ver-verzeihung“, stotterte er, „es tut mir leid, ich ...“ Für einen Moment sah er ihre Augen, ehe sie den Kopf senkte. „Keine Sorge, hoher Herr, es ist nichts geschehen. Ich habe nicht aufgepasst. Es soll nicht wieder vorkommen.“ „Nein, ich war es!“ entgegnete er hastig. „Ich bin Adrick. Darf ich euch helfen?“ Sie hob den Kopf und schaute ihn an. Das faszinierende Grau ihrer Iris, der unsichere Blick, der langsam einem Lächeln wich, all das traf ihn wie ein Schlag. „Das wäre wohl nicht schicklich, oder?“ Ein Spur von Traurigkeit mischte sich in ihre Züge, und sie wandte sich wieder ab. Adrick trat einen Schritt zurück und ließ sie passieren. Nur für einen Augenblick wandte sie sich noch einmal um. „Mein Name ist Órla.“ Sie sah nicht wieder zurück, doch sein Blick folgte ihr, er sah ihre schmale Gestalt, den Schwung ihrer Hüften, die langen, blonden Haare, und ihre bloßen Füße. Órla. Sein Herz klopfte rasend. Órla! Nein, er durfte sie nicht so sehen, sie war uner - reichbar von seinem Stand entfernt! Er konnte nicht einmal ein Lied über sie schreiben, denn man sang keine Minnelieder über das fahrende Volk. Außer wenn sie ein entführtes Edelfräulein wäre. Bei diesem Gedanken musste er über sich selber lachen. Das war absurd. Sie gehörte zu einer anderen Welt, und wenn sie morgen die Burg verließ, sie würden sich nie wieder begegnen. Als es zu dämmern begann, wurden um die Bühne herum Fackeln entzündet, und ein Trommelwirbel verkündete den Beginn der Vorstellung. Adrick blieb abseits, um sich nicht unter das gemeine Volk zu mischen, und um nicht zu interessiert zu wirken. Er brannte so sehr darauf, Órla zu sehen, dass er es nicht nur den anderen, sondern auch vor sich selbst zu verstecken suchte. Doch verdrängen konnte er sie nicht, denn sie hatte sich wieder auf ihren Aussichtspunkt auf dem Wagendach gelegt, und sie blickte über den Hof und über die Bühne, als ob sie das alles nichts anginge. Adrick senkte den Kopf, als ihre Blicke sich zu treffen drohten. Dann setzte Musik ein, vier in schwarze Tücher verhüllte Gestalten sprangen auf die Bretter, und sie begannen einen zuckenden, hektisch-rhythmischen Tanz, der, auch ohne jedes Detail der Körper zu zeigen, jede Grenze des Anstands sprengte. Das Publikum hielt den Atem an, und nach und nach fielen immer mehr der Zuschauer mit unterdrückten, wiegenden Bewegungen in den Rhythmus der Trommeln ein. Selbst Adrick fiel es schwer, der Versuchung zu widerstehen. Wäre da nicht Órla gewesen, die seinen Blick gefangen hielt, wäre es ihm nicht gelungen. Dann rissen die Tänzer ihre Kapuzen vom Gesicht, griffen nach den Fackeln und spuckten durch das Feuer Flammenfontänen in den dämmerblauen Himmel. Die Musik verstummte. „Verehrtes Publikum, ich begrüße Euch zu einem Abend voller Wunder, zu den Mirakeln des Orients, den Geheimnissen des Nordens und den Mysterien des äußersten Erdenrandes“, setzte der hochgewachsene, bärtige Mann an, den Adrick schon zuvor für den Anführer der Truppe gehalten hatte. „Seht zuerst Alana, die Herrin der Messer!“ Drei der Artisten sprangen zur Seite, und die vierte Gestalt riss ihren schwarzen Umhang vom Körper und offenbare eine weibliche Figur, die in ein kaum noch ziemliches Kleid aus Leder gehüllt war. Die Dolche, die sie vom Bühnenhintergrund zugeworfen bekam, fing sie aus der Luft. Dann begann sie einen Tanz der Klingen, der selbst Adrick, für den das Schwert eine alltägliche Waffe war, geradezu beängstigen vorkam. Eine Stimme riss den Knappen aus seiner Faszination. „Schlimmer, noch viel schlimmer, als ich es befürchtet hatte.“ Sie gehört zu Pater O'Brian. „Das fahrende Gesindel hat der Teufel geschickt, um die Schwachen und Schwankenden zu verderben. Ich werde mit Lord Duncan darüber sprechen, er muß dem ein Ende machen!“ Tiefe Abscheu schwang in seinen Worten, doch zu Adricks Erleichterung wandte er sich ab, ohne eine Antwort zu erwarten. Das Mädchen auf der Bühne schob derweil ein riesiges Messer immer tiefer in ihren Hals, unmöglich weit, bis er fürchtete, es müsse sie durchbohren und zwischen ihren Beinen wieder zum Vorschein kommen. Sie bog ihren zarten Körper nach hinten durch, um den Verlauf der Klinge nachzuformen. „Versuchung!“ hörte er das Urteil des Priester, der sich derweil einen anderen Zuhörer gesucht hatte. Die Artistin zog die Waffe aus ihrer Kehle, und das Publikum johlte vor Begeisterung. Über allem lag Órla, die nun zum Mond hinauf blickte, als ob das alles sie nichts anginge. Ihre Ruhe war bewundernswert. Ein Seiltänzer folgte, ein Jongleur, und eine Frau ohne Unterleib, die von einem Jungen ohne Arme auf die Bühne gebracht wurde. Trotz der begeisterten, entsetzten und wohlig erschrockenen Rufe der Zuschauer nahm Adrick immer weniger vom Bühnengeschehen war. Órla war interessanter, ihre Teilnahmslosigkeit und Langeweile. Wie war es wohl diese Welt der Wunder als ganz normal zu empfinden. Waren er, der Knappe, und das Burgleben um ihn herum für sie genauso verwunderlich wie die Darbietungen der Künstler für ihn? War er für sie ein unverständlicher Exot, so wie sie für ihn ein fremdartiges Rätsel war? Unsinn! Wahrscheinlich nahm sie ihn nicht einmal wahr. Er war hier nicht wesentlich. Und Órla war verschwunden! Er wartete angespannt darauf, die als nächstes auf der Bühne erscheinen zu sehen, aber statt ihrer trat ein Zwerg auf, der Purzelbäume schlug. Gelächter brandete auf. „Versuchung, nicht wahr?“ Die Stimme mit dem seltsamen Akzent war nicht die des Paters. Erschrocken fuhr Adrick herum. „Euer Priester hat Recht, oder?“ Órla hatte sich neben ihm an die Mauer gelehnt. Sie trug noch immer ihr Leinenkleid, und währen da nicht ihre langen, hellen Locken gewesen, wäre sie unter den anderen Zuschauern kaum aufgefallen. „Versuchung, das ist es, was sie treiben. Und sie haben so ein leichtes Spiel.“ Er starrte sie erschrocken und ratlos an. Wie konnte sie so etwas sagen? „Aber es ist doch wunderschön!“ Ein spöttisches Lächeln hob ihre Lippen. „Ja, das ist doch das Wesen der Versuchung.“ Sie hob ihr Bein und stützte den Fuß gegen die Mauer hinter ihr, ehe sie, nun in nachdenklichem Ton nachsetzte: „und es ist ja nicht einmal sicher, ob Versuchung nicht das wahre Gute ist.“ Adrick sah sie verwirrt an. Hatte O'Brien nicht einmal gesagt, dass da wahre Böse im Verwischen der Grenzen lag, die Gott gezogen hatte? 'Wie meinst du das?' wolle er fragen, aber er wagte es nicht, so wenig wie ein Schweigen erduldet hätte. „Woher kommst du?“ fragte er statt dessen, um überhaupt etwas zu sagen. Er wagte nicht, sie anzuschauen. „Weit weit her “, antwortete sie, „irgendwo im Osten. Glaube ich jedenfalls.“ Es war nicht die Antwort, die er erwartet hatte. „Dein Name“, wich er aus, „ich habe ihn noch nie gehört. Was heißt er?“ Nun konnte er nicht mehr wegsehen, und ihre wunderbaren grauen Augen überwältigten ihn selbst im Dämmerlicht. „Es ist ihre Sprache“, antwortete sie. „Es heißt 'die goldene'.“ „Ihr?“ frage er irritiert zurück. „Wessen?“ „Ihre.“ Órlas Kopfnicken wies in Richtung der Bühne. „Ich bin ihr Schmuckstück, denke ich.“ Adrick suchte sie zu verstehen, rang um eine passende Antwort, aber Órla war schneller: „Ich muss gehen, ich muss mich vorbereiten. Wir werden uns sehen.“ Sie wandte sich ab, ohne auf eine Antwort zu warten. Auf der Bühne wirbelte ein Artist seine Partnerin durch die Luft, aber Adrick beachtete sie nicht mehr. Als sich später die bessere Gesellschaft versammelte, war der große Saal bereits hell erleuchtet. Die Tische waren dicht an die Seiten geschoben worden, um Platz für die Gaukler zu schaffen, und die Gäste zwängten sich an den Wänden entlang zu ihren Plätzen. Es waren alle Ritter und Edelleute gekommen, deren Burgen und Güter in der Nähe lagen. Die Küche hatte alles aufgeboten, was ohne lange Vorbereitung machbar gewesen war. Lord Duncan in seinem großen Sessel an der Kopfseite des Saals und betrachte, ein Glas Wein in der Hand zufrieden das Geschehen. Eine solche Gelegenheit, einen Hauch von Prunk zu präsentieren, konnte er sich nicht entgehen lassen. Nachdem die Bänke endlich gut besetzt und das Glas des Lords zum dritten Mal nachgefüllt worden war, gab er endlich das Zeichen zum Beginn der Vorstellung. Langsame Trommelschläge begleiteten die Schritte der Artisten, die, wieder in schwarze Gewänder gehüllt, wie eine düstere Prozession einmarschierten. In der Mitte des Saals, zwischen den Tischen, blieben sie stehen. Die Gäste begannen zu Tuscheln, irritierte Blicke wanderten zwischen den finsteren Gestalten und dem Lord hin und her, Gläser wurden abgestellt, das Klappern der Messer erstarb. Doch dann beendete ein Trommelschlag die Stille, die düsteren Tücher fielen zu Boden und bunte Kostüme und Musikinstrumente kamen zum Vorschein. Ein schrilles Pfeifen ging in Musik über, ein wilder Tanz begann. Der bärtige Anführer war trotz dicker Schminke zu erkennen ebenso wie der Zwerg. Aber waren sie eben in ihren Kostümen nicht gleich groß gewesen? Adrick erkannte die Messerschluckerin und den Seiltänzer, nur Órla konnte nicht entdecken. War sie das Mädchen ganz hinten, mit der Laute? Nein, das war ein Mann. Er versuchte, sich auf die Darbietungen zu konzentrieren. Órla war nicht wichtig, sagte er sich, sie würde schon morgen wieder verschwinden. Aber seine Gedanken ließen sich nicht lenken. In seinem Geist sah er ihre tiefen, grauen Augen, ihre Lippen – nein, er konnte sich doch nicht in ein Mädchen aus dem fahrenden Volk verlieben! Er nahm einen Schluck Wein, konzentrierte sich auf die Vorstellung. Hatte das Mädchen, das nun als letzte auf die menschliche Pyramide kletterte, fast zur Decke des Saals, graue Augen? Er konnte es nicht erkennen. Alle Gesichter waren bemalt oder unter Masken verborgen. Er hatte die Hoffnung fast aufgegeben, als ein großer, irdener Krug hereingetragen und in die Mitte des Saals gestellt wurde. Er war bauchig, kaum zwei Ellen hoch und etwas weniger dick. Eine Tänzerin trat hervor, näherte sich vorsichtig dem Gefäß, klopfte daran, aber nichts geschah. Dann versuchte es eine zweite, und schließlich ein junger Mann mit einem Stock. Nun war das Klopfen deutlich zu hören, und es klang, als ob das Behältnis gut gefüllt war. Es schaukelte ein Wenig, und aus der engen Öffnung schoben sich Finger nach außen, tasteten am Rand entlang und verschwanden wieder. Noch einmal wurde auf den Krug geschlagen, und diesmal streckte sich zur Antwort ein Fuß heraus. Es musste Órla sein, niemand sonst war so beweglich, dessen war sich Adrick sicher. Dabei war es völlig unvorstellbar, wie sie in das Gefäß gekommen sein konnte. Adrick sah atemlos zu, wie der Krug hochgehoben, umgedreht und auf den noch immer herausgestreckten Fuß gestellt wurde. Leicht schwankend balancierte sie ihr Gefängnis, drehte es mit vorsichtigen Bewegungen ihrer Zehen, und verlor schließlich das Gleichgewicht. Wundersamer Weise ohne zu zerbrechen rollte der Behälter zur Seite und kullerte über den steinernen Boden, während nun wieder eine Hand zum Vorschein kam. Sie streckte sich heraus, tastete, und für einen Moment erschien es Adrick, als ob sie zum ihm winken würde. Dann war der Arm bis zum Ellenbogen zu sehen, stützte sich am Hallenboden ab, ließ den Krug schaukeln und sich drehen, immer wilder und schneller. Klappernd, doch noch immer ohne zu brechen, rollte der Krug mit der Eingeschlossenen durch den Saal, kam ganz dicht an Adrick vorbei, und blieb dann wieder in der Mitte liegen. Dann endlich zeigte sich ein dunkler Riss auf dem Ton, breitete sich in alle Richtungen aus, und das Gefäß zerbarst mit einem Krachen. In den Scherben lag Órla, noch fast zur Kugel eingerollt, mit goldenen Haaren überflutet. Applaus brach los, lauter und länger als für alle Auftritte zuvor. Dann streckte sie sich, langsam und katzenhaft, und in den verklingenden Beifall mischten Laute von Überraschung und Missbilligung. War das Mädchen etwa nackt? Auch Adrick musste genau hinsehen um zu erkennen, dass sie bekleidet war. Doch der Stoff umhüllte ihren Körper wie eine zweite Haut, in der Farbe kaum zu unter - scheiden und fast faltenfrei. „Schamlos!“ hörte er eine Dame ein paar Plätze weiter zischen, und ihr Gatte brummte pflichtbewusst zustimmend. Es war gut, dass Pater O'Brian nicht zum Fest gekommen war, denn er hätte aus dem Skandal eine Katastrophe gemacht. Órla hatte inzwischen, noch immer auf dem Bauch liegend, den Rücken nach hinten durchgebogen, Arme und Beine senkrecht in die Luft gestreckt. Ein Gauklermädchen in einem Kleid aus Federn umtanzte sie gemächlich und spielte auf einer Flöte ein traurige, langsame Melodie. Die Trommeln, die bislang die ganze Vorstellung begleitet hatten, waren verstummt. Órlas Glieder wiegten sich in der Luft wie Gräser in einem sanften Wind, und hoben sich höher und höher, bis kaum mehr als ihr Bauchnabel noch den Boden berührte. Dann ließ sie die Arme herabsinken, winkelte die Beine an und bog sie über den Kopf, bis ihre Knie den Boden berührten und ihre Kopf zwischen den Schenkeln lag. Ihre Scham, nur von dünnem Stoff bedeckt, bildete deutlich sichtbar den höchsten Punkt des zusammengefalteten Mädchens. Adrick wusste nicht, ob er sich beschämt abwenden oder begeistert hinsehen sollte, also errötete er und ließ den Blick unsicher über Szene wandern. Er sah offene Münder, vor Empörung oder vor Begeisterung, und vor beidem zugleich. Es war eine Schande, dass sie die Frau, in die er sich verliebt hatte, so sahen. Órla lächelte, und er hatte den Eindruck, als lächelte sie zu ihm. Die Musikantin, die noch immer in tänzelndem Schritt ihre Kreise um die Akrobatin zog, warf ein Blatt in die Luft. Es segelte langsam hinab und landete genau auf der peinlichen Stelle. Das Publikum klatschte, lachte erleichtert, und einige Pfiffen protestierend. Sein Herr, Sir Roderick, war unter den letzteren, und Adrick verspürte die Lust, ihn zu schlagen. Aber das war natürlich undenkbar. Das Schlangenmädchen hob seinen Körper, zog Kopf und Arme zwischen den Beinen nach hinten und richtete sich auf. Zu Adricks Entsetzen und zur offenen Freude Sir Rodericks zeichneten sich die Rundungen ihrer Brüste samt ihren Spitzen nur zu deutlich unter dem eng anliegenden Stoff ab. Nun bog Órla ihren Körper, der kein Rückgrat und keine störenden Knochen zu haben schien, nach vorne durch und zwischen den gespreizten Oberschenkeln nach hinten, bis sie in einer unmöglichen Verschlingung nach oben auf ihr eigenes Gesäß blickte und mit den Armen von hinten ihre Knie umschlang. Adrick war dankbar für das Feigenblatt. Bald lief sie auf den Händen zwischen den Tischreihen, die Beine so unglaublich wie aufreizend zur Seite gestreckt, dann verschränkte sie ihre Füße hinter dem Hals, erst am Boden und dann auf Händen stehend. Bei alledem waren ihre Bewegungen sanft und fließend wie ein Tanz zu der verträumten Melodie der Flötenspielerin. Es schien keine Grenzen für sie zu geben, ihre Gelenke schienen keinerlei Limit zu haben. Adrick hatte noch nie solche Schönheit und Anmut gesehen, und er hätte noch am Morgen Stein und Bein geschworen, dass solche Bewegungen dem menschlichen Körper nicht möglich waren. Jetzt lief sie auf allen Vieren, mit dem Bauch nach oben wie ein seltsames, exotisches Tier. War das vielleicht ihr Geheimnis, gehörte sie zu den seltsamen Menschenrassen am Rand der Welt, von denen Reisende berichtet hatten? Der Pater hatte ihm von den Geschichten der Seefahrer erzählt, von Wesen mit Füßen auf dem Kopf oder dem Gesicht auf dem Bauch, irgendwo zwischen Mensch und Tier. Aber das war absurd, sie war zu schön, zu menschlich, um zu diesen Halbwesen zu gehören. Aber vielleicht gab es ja irgendwo dazwischen, nicht ganz so weit von der zivilisierten Welt entfernt, Mensch wie sie mit biegsamen Knochen? Ihr Akzent, den Adrick so gar nicht zu deuten vermochte, wies auf ein sehr fernes Land hin. Órla lief nun auf den Händen zu einem Tisch, nur wenige Plätze neben seinem. Sie bog ihren Körper nach hinten und setzte die Füße auf die Tischplatte. Lady Mortimer stieß einen Schreckensschrei aus, ihr Gatte schob hastig Teller und Becher zur Seite. Die Schlangenfrau machte mit den Händen einen Schritt weiter zum Tisch, verlagerte noch einmal ihr Gewicht, und dann löste sie sich vom Boden, und in einer fließenden, rollenden Bewegung richtete sie sich auf und stand auf der Festtafel. Ohne in ihrem Tanz innezuhalten verbog sie sich nun nach vorne, tauchte zwischen den eigenen Beinen nach vorne und stützte sich auf ihre Hände, um sogleich die Füße in die Luft zu strecken. Sie breitete ihre Zehen wie Finger aus, griff nach Lady Dufreys Becher, führte ihn zum Mund und trank. Dabei waren ihre Schenkel so anstößig gespreizt, dass Adrick wieder froh über das Feigenblatt wahr, das auf wundersame Weise noch immer an seinem Platz haftete. Die Lady wich pikiert zurück, als Órla das Trinkgefäß wieder vor ihr abstellte, Ihr Nachbar brachte sein eigenes in Sicherheit. Langsam drehte sich das seltsame Mädchen, lächelte Adrick zu und lief langsam balancierend, vorsichtig eine Hand vor die andere setzend, über die Tafel. John versuchte, ihr von seinem Bier anzubieten, Nicolas wackelte am Tisch, aber sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Ein Platz noch! Adricks Herz klopfte so heftig, dass er fürchtete, man könne es hören. Patrick wich vor ihr zurück und rettete seinen Teller. Dann 'stand' sie vor ihm. „Guten Abend, mein schöner Ritter “, begrüßte sie ihn leise. „Ich – ich bin noch kein Ritter “, entgegnete er verwirrt und hoffte dass niemand sie hören konnte. Dass er rot wurde, war nicht zu verbergen. Sein Blick glitt hilflos über ihren Körper und über das enge, hautfarbene Kleid, das, wie er nun erkannte, aus Leder war. „Das macht nichts.“ Sie lächelte. „Ihr solltet etwas essen, edler noch nicht Ritter “, sagte sie mahnend. Tatsächlich hatte er noch keinen Bissen genommen. Órla ergriff mit den Fußzehen einen Hühnerschenkel und biss ein Stück davon ab. „Es ist gut!“ Sie bot ihm das angebissene Stück an, aber Adrick konnte nur auf ihre zarten Füße und die beweglichen Zehen starren. Irgendwo im Saal wurde gelacht, und er wandte seinen Blick peinlich berührt ab, schaute erst auf den Teller, in ihre wunderbaren grauen Augen und schließlich auf die lederne zweite Haut, die nur feine Nähte aufwies, aber keine Schnürung und keinen Knopf. Es schien, als wäre sie ihr direkt auf den Körper genäht. „Es tut mir leid“, flüsterte sie kaum hörbar, „ich wollte euch nicht in Verlegenheit bringen.“ Ihr anderer Fuß streckte sich vor und strich zärtlich über seine Wange. „Lebt wohl, mein Ritter. Mögen euch alle Götter schützen.“ Dann drehte sie sich um, ließ sich auf den Ellenbogen nieder, senkte die Beine zu Boden und richtete sich mit einer rollenden Bewegung auf. Jemand hatte derweil eine hölzerne Kiste hereingetragen, auf der nun die Flötenspielerin saß, kaum drei Schritte von Adricks Platz entfernt. Sie stand auf und öffnete, ohne ihr Spiel zu unterbrechen, den Deckel. Die Bretter waren massiv, das innere mit rotem Stoff ausgeschlagen. Órla setzte einen Fuß in das Behältnis, kniete sich hinein, und man konnte erkennen, dass das Innere kaum mehr als die Länge ihres Schienbeins maß. Trotzdem schob sie auch das andere Bein in den Kasten, rollte ihren Rücken und steckte den Kopf zwischen die angewinkelten Knie. Ihr linker Arm, der schon unter ihr lag, tauchte auf der anderen Seite wieder auf und half, den anderen nach unten zu ziehen. Die blonden Haare fluteten über ihren Rücken, das Lederkostüm und den Kistenrand. Das bunte Gauklermädchen trat gegen den Deckel, und er fiel herunter, doch die Kiste schloss sich noch nicht. Unsanft trat sie auf die Klappe und setzte sich, als auch das nicht half, einfach obenauf. Der letzte Spalt verschwand, und nur goldene Haarsträhnen wiesen noch auf den wunderbaren, lebenden Inhalt hin. Das Flötenspiel endete in einem schrillen Crescendo, dann holte sie ein schweres Vorhängeschloss aus ihrem Beutel. Sie klappte die Lasche über die Öse, hängte das Schloss ein und lies den Bügel einrasten. Dann verbeugte sie sich und nahm den Applaus entgegen, als wäre es ihre Vorstellung gewesen und Órla nur eine Puppe, die sie hatte tanzen lassen. Adrick fand sich wie schwebend in einer seltsamen Mischung aus Faszination und lustvollem Grausen. Seine Órla – nein, das war eine Anmaßung, doch sie selbst hatte ihn 'ihren Ritter' genannt – war aus einem tönernen Gefängnis gekommen und hatte sich selbst in das neue, hölzerne hineingefaltet. Er verstand die Erregung nicht, die ihn bei diesem Gedanken überflutete. Retten musste er sie, sie aus ihrer Gefangenschaft befreien, und zugleich wünschte er sich, zuvor seine Arme um die Kiste zu legen und die Macht zu genießen, die er dann über sie besitzen würde. Nein, das war nicht ritterlich, und einem Moment lang erwog er ernsthaft, über den Tisch zu springen, sie herauszutragen und zu befreien. Doch schon hatte der bärtige Riese die Kiste ergriffen und sie hochgehoben, gerade als ob sie leer und gewichtslos wäre. Nur die Haare bewiesen, dass eine Frau darin eingesperrt war. „Órla, die Schlange“, verkündete er, „endlich gebändigt! Seien sie froh, verehrtes Publikum, dass sie nicht von ihr gebissen worden sind.“ Er schüttelte den Kasten und legte sein Ohr daran, als ob er auf eine Antwort aus dem Inneren wartete. „Eva und Schlange zugleich, verdorben und verderbend, ist sie in dieses Gefängnis gebannt, um euch vor ihr zu beschützen! Und nun –“ Er stelle die Kiste ab und schob sie mit dem Fuß unsanft an die Wand am Ende des Saals, „– und nun präsentiere ich Saya aus dem fernsten Orient!“ Das Feigenblatt – oder was immer es war, es war zumindest von keiner Pflanze seiner Heimat – lag vor ihm auf dem Tisch. Die Zirkusschau ging weiter, aber Adrick sah nicht mehr, was Saya und die anderen nach ihr vorführten. Sein Blick hafte fest auf der Holzkiste, und er grübelte verzweifelt, wie er Órla daraus befreien konnte. Erst saß die Flötenspielerin darauf, dann ein anderer Gaukler, und manchmal waren sie zu zweit. Doch immer war die goldene Strähne zu sehen die bezeugte, dass die Frau seiner Träume noch immer darin eingesperrt war. Als die Vorstellung beendet war, sprang er auf, wartete auf eine Chance zur Befreiung, aber das Treiben war zu rege, um sich der Kiste zu bemächtigen. Patrick lenkte ihm ab, winkte mit der angebissenen Hühnerkeule, und seine Lippen formen, für Adrick unhörbar, die Worte „Edler Ritter, hungriger Ritter.“ Als er sich wieder umwandte, war Órla verschwunden. Er stürzte aus dem Saal, aber weder der Kasten noch das wundervolle Schlangenmädchen waren irgendwo zu sehen. Nach ihr zu fragen wagte, er nicht. In der Nacht fand Adrick keine Ruhe. Órlas Bild ging nicht mehr aus seinem Kopf, und ihre Stimme mit dem seltsamen, schweren Akzent wiederholte dazu: 'Mein Ritter!' Gewiss hatte man sie inzwischen aus der Kiste gelassen, versuchte er sich zu über - zeugen. Es war ja unsinnig, sie darin gefangen zu halten. Aber mit schaudern dachte er daran, wie der bärtige Riese sie hochgehoben und geschüttelt hatte. Konnte er sie vor den Gauklern retten? Gleich am Morgen, noch ehe sie aufbrachen, musste er sich auf die Suche nach ihr machen. Sie könnte als Magd in der Burg bleiben, oder sogar als Zofe für eine der Damen. So wäre sie nicht nur sicher, er könnte sie auch sehen. Mehr nicht, denn sie war nicht von seinem Stand, doch immerhin. Er konnte Lieder für sie schreiben, und vielleicht würde sie ihm zuhören und sich in seinen Strophen wiedererkennen. Doch Minnelieder sang man in Frankreich, nicht hier im Hochland. Und er hatte nicht einmal das Talent, die Laute zu spielen. Wozu auch, niemand würde je ihn erhören. Keine Frau von Ehre würde ihn, den Ritter Ohneland, je heiraten, da durfte er sich keiner Illusion hingeben. Ihm würden Einsamkeit bleiben, Huren vielleicht, und wenn er die Welt sehen wollte, dann musste er sich einem Kreuzzug anschließen und Krieg in fernen Ländern führen. Zumindest war das besser als das Kloster. Er hasste es, wenn sich diese trüben Gedanken in seinen Kopf drängten, und wenn er sie nicht entkräften konnte, so sehr er sich auch anstrengte. Es konnte doch das Unerwartete geschehen, versuchte er sich zu überzeugen, doch das Unerwartete kam nicht, nicht hier im Hochland, und nicht zu ihm. Er drehte sich um, und das Bett knarrte, wie immer. Nein, es war doch bereits geschehen! Órla war gekommen, sie hatte ihren Ritter genannt, und sie hatte mit ihren Fußzehen seine Wange gestreichelt. Adrick berührte die Stelle, und wieder hatte er ihr Bild vor Augen, ihr Lächeln, den ausgestreckten Fuß, und das Hautenge Kleid aus Leder. „Mein Ritter.“ Er konnte sie retten, und sie konnten gemeinsam einen anderen Weg gehen, in andere Länder ziehen und als Mann und Frau leben, wo man sie nicht kannte. „Mein Ritter!“ sagte sie, und er spürte ihre sanfte Berührung. Es klopfte an die Tür, und er stand auf. „Wer ist da?“ fragte er, doch es gab keine Ant - wort. In der Dunkelheit tastete er sich vor, fand die Klinke, öffnete, doch niemand stand davor. Schon wollte er die Tür wieder schließen, aber dann sah er die Kiste! Noch immer quoll eine blonde Locke aus dem Spalt! Hastig zog er sie hinein und versuchte, sie zu öffnen, doch es gelang ihm nicht. Der Deckel wollte sich nicht bewegen, sehr er auch daran rüttelte. 'Das Schloss!', fiel es ihm ein, und er tastet danach, fand das kalte, schwere Metall, aber keinen Schlüssel. Nichts bewegte sich, so sehr er es auch versuchte. Also hob er die Kiste hoch, hielt sie an sein Ohr und lauschte auf ihren Atem. Er klang rau und saugend. „Órla, ich rette dich!“ rief er und schüttelte ihr Gefängnis. Immer lauter wurden ihre Atemzüge, immer rasselnder und drängender. Doch was auch immer er versuchte, der Deckel öffnete sich nicht, und das Schloss schien unverrückbar festgewachsen. Schon wollte er das Gefängnis zu Boden werfen, in der verzweifelten Hoffnung, dass es zerbrechen würde, ohne sie zu verletzen. „Órla!“ Dann schreckte er auf, das krächzende Atmen erreichte einen neuen Höhepunkt, und er erkannte, dass er geträumt hatte. Ein Bett weiter schnarchte Edwin, drehe sich nun in seinem Bett und verstummte. Sein Entschluss stand fest: morgen, ganz früh, würde er sie aufsuchen und ihr seinen Schutz anbieten. Ob sie dann auf der Burg bleiben oder mit ihm ein neues Leben beginnen wollte, war gleichgültig. Aber er würde sie aus den Fängen der Gaukler befreien! Beruhigt und zuversichtlich schlief er ein. Als Adrick im Morgengrauen erwachte, war der Wagentross der Schausteller verschwunden. Nur die Spuren der Räder im Schlamm des Burghofs und der Abdruck der Bühne wiesen noch darauf hin, dass dass sie kein Traum gewesen waren. Er rannte zum Tor und rüttelte den dösenden Wächter wach. „Wo sind sie“, fragte er aufgeregt, „sag mir, wo die Gaukler sind!“ „Draußen halt.“ Der Wachmann wischte sich den Schlaf aus den Augen. „Sind aufgebrochen mit dem ersten Licht.“ Der Knappe war fassungslos. „Du hast das Tor geöffnet, ehe es Tag ist? Du alleine? Für fahrendes Volk?“ Der Torwächter blickte ihn leer an. „Hab ich wohl“, entgegnete er verwirrt. „Sie habe mich überredet, glaube ich. Irgendwie. Haben so freundlich gefragt.“ Adrick widerstand der Versuchung, ihn zu ohrfeigen. „Bist du betrunken oder nicht bei Sinnen?“ „Nein, Herr, gewiss nicht, Herr, getrunken, meine ich.“ Ihm wurde endlich bewusst, welche Fahrlässigkeit er sich geleistet hatte, auch wenn es gar nicht die Sicherheit der Burg war, die Adrick so in Rage brachte. „Sagt's nicht weiter, Herr, bitte! Sie wollte ja nur raus, nicht rein.“ „Idiot!“ Er versuchte sich zu beruhigen. „In welche Richtung sind sie gezogen, hast du das wenigstens gesehen?“ „Nein, Herr.“ Schuldbewusst zu zog der Wächter den Kopf ein. „Hab's nicht gehen, Herr. Raus sind sie, mehr weiß ich nicht.“ Welchen Weg sie auch genommen hatten, mit den langsamen Wagen konnten sie nicht weit gekommen sein. Auf dem Pferd würde er sie einholen. Es gab kein Zurück mehr. Órla hatte ihm gezeigt, dass in der Welt so viel mehr geben musste, das er zwischen den Burgmauern für möglich gehalten hatte. Wenn er ihr jetzt nicht folgte, seinem Leben jetzt keine neue Wendung gab, dann würde er es vielleicht nicht wieder tun. Eilig streifte er sind Kettenhemd über und legte das Schwert an, mehr Gepäck würde er nicht brauchen, und für mehr war auch keine Zeit. Seine Schimmelstute sattelte er selbst, ohne auf den Stallknecht zu warten. Die Bediensteten, die auf dem Hof ihr Tagwerk begannen, sahen ihn verwundert an. „Aber Herr, ich weiß nicht, ich darf doch –“ stotterte der Wächter auf Adricks barschen Befehl, aber mit einem Griff nach dem Schwertknauf war der Tölpel genügend beeindruckt, um den Querbalken zur Seite zu schieben und einer der Torflügel zu öffnen. Er sprang zu Seite, als Adrick seiner Stute die Sporen gab und sich durch der gerade ausreichenden Spalt drängte. Ins Tal oder ins Moor, das war die erste Entscheidung. Die Spuren waren nicht zu erkennen, zu viele Räder waren hier unterwegs gewesen. Aber sie waren übers Moor gekommen, also würden sie kaum zurück fahren. Im Galopp jagte er die Straße zum Tal herunter. Adrick war fest überzeugt gewesen, die Gaukler bald einzuholen. Sie konnten nicht mehr als eine Stunde Vorsprung haben. Er versuchte, die Sonne hinter den trüben Wolken auszumachen. Wie hoch stand sie, wie lange war er schon geritten? Still schimpfte er sich einen Narren. Mit ihren Ochsenkarren schafften sie kaum mehr als Schritttempo, und wenn sie diesen Weg genommen hatten, hätte er sie längst dreimal erreichen müssen. Er machte kehrt und überlegte, wo sie wohl abgebogen waren. Doch alle Abzweigungen führten nur zu unbedeutenden Dörfern und zu Burgen, die aus kaum mehr als Haus und Turm bestanden, uninteressant für eine Artistentruppe. Keiner der Wege führte weiter, aber das wussten sie vielleicht nicht. Also prüfte er nun die Seitenwege, erst nur die größeren, und dann jeden, der für Wagen passierbar war. Mindestens bis zu einer Ansiedlung, in der er fragen konnte, oder bis zu einer Anhöhe mit weitem Ausblick ritt er, aber die Leute schüttelten nur den Kopf, und sie waren nirgends zu sehen. Es war Mittag, als er wieder die Burg erreichte, und er machte einen weiten Bogen, um sich dort nicht blicken zu lassen. Sie waren also in Richtung Moor gefahren, und nun hatten sie einen halben Tag Vorsprung. Zum Glück gab es hier nur wenige Dörfer und keine Nebenstraßen. Bis er sie einholte, war also nur eine Frage der Zeit. Als er am Kreuz des heiligen Dunbar ankam, war seine Zuversicht verflogen. Es war längst Nachmittag, aber kein Wanderer hatte sie gesehen. Hatten sie sich verirrt? Die wenigen Abzweigungen der Straße waren viel zu eindeutig, es gar sogar Wegweiser, damit niemand konnte von der sicheren Strecke abkommen konnte. Von einer leichten Anhöhe schaute er sich ratlos um. Sein Blick reichte weit über die flache, fast baumlose Landschaft. Nur graue Birken waren zu sehen, ein paar alte Grabhügel, und das endlose Moor beiderseits der Straße. Die Sonne war hinter den niedrigen Wolken kaum zu erahnen, grau und graugrün schienen die einzigen verbliebenen Farben zu sein. Von den bunten Wagen gab es keine Spur. Hatten sie sich verirrt? Der Gedanke erschreckte ihn. Der Sumpf hatte schon viele Reisende verschluckt, denn es gab trügerische Pfade, die im bodenlosen Morast endeten. Nachts konnte man Irrlichter sehen, und in der Dunkelheit gab es keine Wegmarken. Im Geiste sah er die Wagen im Moor versinken, und die Angst um Órla trieb ihn weiter. Noch war aber Tag, wie konnten sie da verloren gegangen sein? Adrick trieb die Stute zum Galopp, so lange er es ihr zumuten konnte, aber es war vergebens. So weit konnten sie unmöglich gekommen sein. Schweren Herzens kehrte er um. Im nächsten Dorf würde er um ein Nachtlager bitten, um die Suche am nächsten Tag fortsetzen zu können, etwas besseres fiel ihm nicht ein. Sollte er dann noch einmal die Straße ins Tal versuchen? Einstweilen hielt er vergeblich Ausschau nach Pfaden und Spuren, die er auf dem Hinweg übersehen haben konnte. Sein Pferd war so erschöpft wie er, und sie kamen nur langsam voran, und sie mussten immer öfter eine Pause einlegen. Alte Geschichten von Geistern und Ungeheuern kamen ihm in den Sinn, Ammenmärchen, aber jetzt bekamen sie eine neue Bedeutung. Órla war da draußen! Zwar war sie nicht alleine, aber wie sollten die Gaukler sie vor den Gefahren der Nacht schützen? An Dunbars Kreuz legte er eine weitere Pause ein und blickte sich um. Keine Spur von den Wagen, und keine andere Menschenseele, aber war da unten nicht eine Linie im Moor? Mehr als ein Fußpfad konnte es nicht sein. Aber er konnte ihm ein Stück folgen, diese Entscheidung war so gut wie jede andere. Die Dämmerung setzte schneller ein, als Adrick erwartet hatte. Auch der letzte Weg war eine vergebliche Hoffnung gewesen, und so kehrte er um, damit er die Nacht nicht selber im Moor verbringen musste. Bestimmt hatte Órla eine ganz andere Strecke genommen, bestimmt hatte er das offensichtliche übersehen. Er würde sie wohl nie wiedertreffen. Nebel begann aus dem Gras zu steigen, und er musste sich beeilen, um rechtzeitig die Straße zu erreichen. War er so lange dem kleinen Pfad gefolgt? Der zeichnete sich im schwächer werdenden Licht nur noch undeutlich vor ihm ab, eine geschwungene Linie ohne Binsen und Pfützen, die sich nur leicht über die am Boden liegenden Nebelschwaden erhob. Er hoffte von ganzem Herzen, dass Órla nicht hier draußen war. Furcht begann nach ihm zu greifen, als das Tageslicht mehr und mehr schwand, und kein Mond zu sehen war, der ihm den Weg weisen konnte. War das schon ein Irrlicht dort vor ihm? War es am Pfad oder weit im Sumpf? Er trieb seine Stute an. Da leuchtete es wieder, nun auf der anderen Seite des Pfades. Oder hatte der nur einen Schlenker gemacht? War überhaupt auf dem richtigen Weg? Das Licht flackerte ein wenig, und es schien stärker zu werden. Es war warm und von rötlichem Gelb, nicht grün wie die Irrlichter in den Schauergeschichten. Dann erkannte er, dass es drei bunte Wagen beleuchtete! Er musste schließlich absteigen und sein Pferd am Halfter führen, um ganz vorsichtig den Weg zu ertasten. Es war Dunkel, als er das Lager fast erreicht hatte. „Da bist du ja endlich!“ Die tiefe Stimme ließ ihn zusammenfahren. Er wollte sein Schwert greifen, doch er verfehlte den Griff. Ein dunkles Lachen ertönte, und es schon von über ihm zu kommen. Seine Hand fand endlich den Schwertgriff. „Wir haben lange auf dich gewartet.“ Nun erkannte den riesigen Schatten, an dem er fast vorbeigelaufen war. Es war der Anführer der Schausteller, der noch größer war, als Adrick ihn in Erinnerung hatte. Er überragte ihn um zwei Köpfe, wenn nicht mehr. „Du musst hungrig sein“, stellte der Riese fest. „Und kalt.“ Adrick ließ sich zu dem riesigen, hell lodernden Feuer führen. Es war erstaunlich, dass sie im Moor so viel Feuerholz gefunden hatten, aber er begrüßte die Wärme. Ein dutzend Gestalten scharten sich um die Flammen, einige von ihnen tanzten zu einer schwebend schönen Musik, die nicht zu den groben Instrumenten zu passen schien, die sie in der Burg gespielt hatten. Dann erkannte er, es Stimmen waren, die wortlose, vielstimmige Melodien sangen. „Ich versorge dein Pferd“, sagte sein Begleiter. „Nimm dir zu essen und zu trinken, wie es dir beliebt.“ Einen Augenblick zögerte Adrick, die Zügel aus der Hand zu geben, aber das Verlangen, Órla wiederzusehen war stärker. „Ich danke euch für die freundliche Aufnahme“, gab er zur Antwort und deutete eine Verbeugung an, die ihm, angesichts des Standesunterschiedes sofort albern vorkam. Der Riese grunzte eine Antwort, die Adrick nicht verstand. Er begab sich zum Lagerfeuer, um Órla zu suchen, doch er konnte sie nicht ausmachen. War sie es, die da, unter einem Umhang verborgen, dicht an der Glut kauerte? Aber er erkannte faltige, alte Hände, noch ehe er das Gesicht unter der Kapuze sehen konnte. Sie war nicht bei den Tänzern, und auch nicht unter den Sängerinnen, die sich sanft zu ihrem Gesang wiegten. „Setze dich zu uns.“ Ein schönes Mädchen trat zu ihm, bot ihm einen Teller mit Früchten und gebratenem Fleisch an, und schreckte zurück, als er, mit rasselndem Kettenhemd , die Hand danach ausstreckte. „Die Reise lastet wohl schwer auf dir “, entschuldigte sie sich, „du musst dich erst bequem machen.“ Und sich abwendend rief sie in die Dunkelheit: „Saya, steh' nicht herum, hilf unserem Gast!“ Eine kleine, schwarzhaarige Frau mit seltsamen Augen und einer flachen Nase trat aus den Schatten und löste, ehe er Widerspruch einlegen konnte, den Schwertgurt. „Du brauchst es nicht, du bist unter Freunden“, stellte sie mit ihrem seltsam singenden Akzent fest und machte sich an den Schnallen des Panzerhemdes zu schaffen. Ein Junge nahm beides entgegen und verschwand in der Dunkelheit, während Saya sanft über seinen Arm strich und ein anderes Mädchen unbemerkt sein Messer an sich nahm. „Wärme dich und iss“, forderte Saya in zärtlichem Ton auf, während sie sich schon in die Schatten zwischen den Wagen zurückzog. „Warte!“ rief Adrick. „Wo ist Órla? Das Schlangenmädchen, sie muss doch hier sein!“ Er erhielt keine Antwort, stattdessen trat die Frau mit dem Teller wieder zu ihm. „Nimm dir zu essen und setze dich zu uns.“ Ihre roten Haare glitzerten im Flackern des Feuers. „Sie wird schon kommen, sie ist nur beschäftigt.“ Adrick nahm eine Birne und wandte sich suchend ab. Sie musste hier irgendwo sein! Er nahm eine Regung zwischen den Wagen wahr, einen Schatten, dessen Form ihm vertraut erschien. „Órla?“ rief er? Die Gestalt zuckte zusammen, und er lief zu ihr. „Órla, endlich! Ich habe so nach dir gesucht!“ „Nach mir?“ Es lag keine Freude in ihrer Stimme. Sie trat langsam ins Licht, und er sah, dass sie wieder das Kleid aus Sackleinen trug. „Warum solltest du mir nachlaufen, du kennst mich ja nicht.“ Der Feuerschein ließ ihre Augen glitzern, aber ihr Gesicht blieb traurig. „Nein, du brauchst nicht zu antworten. Ich weiß es, es ist immer so.“ 'Weil ich dich liebe und weil ich dich retten will.' Die Worte kamen nicht über seine Lippen, und er kam sich auf einmal wie ein dummer Junge vor. Sie hatte recht: er war seinem eigenen Traum nachgelaufen. Er erinnerte sich an ihre Zehen auf seiner Wange. 'Mein Ritter' hatte sie ihn genannt. Es war immer so? Wie oft hatte sie dieses Spiel gespielt? „Ich wollte dich retten“, sagte er nur und wandte sich ab. „Verzeih' mir.“ Adrick fühlte sich leer und müde. Sein Ausbruch war gescheitert, sein Traum hatte sich als Illusion erwiesen. Morgen würde er nach Hause reiten und den Spott seiner Kameraden ertragen. Nun blieb ihm nur noch, sich zu wärmen und seinen Hunger zu stillen. Er hatte eine Birne in der Hand, erinnerte er sich, und führte sie ohne rechten Appetit zum Mund. „Retten? Das ist neu.“ Órlas Stimme war lebhafter geworden. Er ließ die Frucht sinken. „Es ist Unsinn. Vergiss es.“ „Vielleicht“, antwortete sie. „Aber erzähl' mir davon. Und gib mir deine Birne, sonst verhungere ich.“ Erst dachte er, sie wollte sich über ihn lustig machen, aber es lag kein Spott in ihrer Stimme. Adrick schaute zum verlockenden Feuer und dann zu Órla. Warum auch nicht? Zumindest konnte er die Frau, der er nachgelaufen war, ein wenig kennenlernen. Er warf ihr die Birne zu, und sie fing sie auf. Zu seiner Enttäuschung führte sie ihn nicht ins Licht des Lagerfeuers, sondern in die Schatten zwischen den Wagen. Um einen kleinen Haufen glühender Kohlen hatten sich fünf Gestalten gescharrt, Saya war darunter, und der Junge, der sein Kettenhemd weggetragen hatte. „Was macht er hier?“ fragte Saya, an Órla gerichtet. „Sollte er nicht im warmen sitzen?“ „Er bleibt bei uns“, stellte seine Führerin mit einer Stimme fest, die keinen Widerspruch zuließ. „Gib ihm eine Schüssel, Paolo!“ Der Junge, der kaum älter als zehn sein mochte, wühlte im Dunkel nach einer hölzernen Schale und füllte sie aus einem Topf, dessen Inhalt Adrick nicht erkennen konnte. Es war ein fester Brei, ertaste er, und kostete vorsichtig. Es schmeckte besser, als er erwartet hatte. Hungrig verschlang er einige Finger voll, ehe er sich weiter in der seltsamen Runde umsah. Erst glaubte er, auf das Spiel der Schatten hereingefallen zu sein, doch dann begriff er, dass ihm gegenüber die Frau ohne Unterleib saß, die er auf der Bühne im Burghof gesehen hatte. Neben ihr führte der Mann ohne Arme seinen Löffel mit dem Fuß zum Mund. „Willkommen an der Festtafel der Wunderkinder “ Órla lachte bitter und verschränkte zur Bestätigung die Beine hinter dem Hals. „Bist du dafür aus deiner warmen Burg geflohen?“ Adrick drehte ratlos verlegen die Holzschüssel. Wofür? Für die 'Wunderkinder', die Herausgefallenen, die sich hier versammelt hatten? Für Órlas Kunst, die ihm den Verstand raubte? Was meine sie? „Es ist nicht, was du erwartet hast, oder?“ Sie löste die Verschlingung ihrer Beine und strich wieder mit ihren Fußzehen über seine Wange. „Nein, entschuldige. Ich weiß, was ich getan habe. Du bist mir ja nur gefolgt.“ Sie strich seine Haare zur Seite, berührte sein Ohr. „Du weißt noch nicht einmal, wo du bist, oder?“ Noch ehe er eine Antwort auf diese seltsame Frage fand, tat die Rothaarige zu ihnen, die ihm vorhin schon zu essen angeboten hatte. „Was bietet ihr unserem Gast von diesem faden Haferbrei an, wo es doch ein Festessen gibt?“ rügte sie und warf Órla einen scharfen Blick zu. „Er soll mit uns feiern, kommt zu uns, meine Kinder.“ Jetzt erkannte Adrick die Flötenspielerin, die zu Órlas Kunst gespielt und das Schlangenmädchen dann in die Kiste gesperrt hatte. Ohne Schminke und buntes Kostüm wirkte sie wie eine andere Person. Ihr Kleid, das besser in einen Festsaal als ins Gauk - lerlager gepasst hätte, schien im Feuerschein fast lebendig, es schimmerte auf so faszinierende Weise, dass er seine eigentliche Farbe nicht erkennen konnte. Ihr Gesicht erschien zwischen Licht und Schatten kantig und spitz. Etwas hartes, spöttisches lag in ihren Zügen. Sie präsentierte ihm eine silberne Platte voller Gebratenem, mit Wachteln und Speck und anderen Köstlichkeiten. Ein verführerischer Duft stieg von ihr auf. „Greif zu, schöner Jüngling, und tanze mit uns.“ Irritiert blickte Adrick zwischen der Musikantin und Órla hin und her, die wiederum ihn ansah,als ob sie etwas sagen wollte. Doch sie schwieg, und ihre Augen wanderten zu den dargebotene Speisen. Die Situation zwischen den beiden Frauen war ihm unangenehm, und er versuchte, sie mit den besten höfischen Manieren aufzulösen. „Ich danke für eure Gastfreundschaft!“ Er verbeugte sich vor dem Gauklermädchen und nahm eine der gebratenen Wachteln, riss einen Schenkel ab und schob in in den Mund. Er war knusprig und ungeheuer schmackhaft. „Eure Küche ist unübertrefflich! Aber ich lasse auch nichts auf den köstlichen Brei kommen, der eine gar treffliche Ergänzung zu den anderen Delikatessen ist. Und ich bin überzeugt, dass wir euch in Bälde gemeinsam Gesellschaft zum Tanz leisten.“ Dabei wollte er doch sofort zur fröhlichen Runde dazustoßen, und der Gedanke, mehr von der Hafergrütze essen zu müssen, füllte ihn plötzlich mit Abscheu. Gierig biss er in den Rest der Wachtel. „Das habt ihr wunderbar gesagt, junger Ritter. Dann folgt mir, so bald es euch genehm ist.“ Ihr Lächeln füllte ihn mit Begeisterung, und er fragte sich, warum er ihre Schönheit vorher nicht bemerkt hatte. „Ich warte sehnsüchtig.“ Sie deutete einen Knicks an und wandte sich ab. Adrick drehte sich entschuldigend zu Órla und wollte sie auffordern, mitzukommen, aber ihr Blick verwirrte ihn. Enttäuschung war da zu sehen, und Verzweiflung. Aber ihre, wie er nun erkannte, eher schlichte Schönheit lockte ihn nicht mehr. Er wollte zu den anderen ans Lagerfeuer. „Ich habe dir gesagt, dass er ein Idiot ist“, stellte Saya nicht ohne Befriedigung fest. „Sie sind alle Narren.“ Er fuhr wütend herum, um ihr eine angemessene Antwort zu geben, doch Órlas traurig sanfte Stimme lenkte ihn ab: „Weißt du, was du da gegessen hast?“ „Wachtel“, entgegnete er, „und zwar die köstlichste, die ich je erlebt habe.“ Beinahe hätte er eine spöttische Bemerkung über den Brei nachgesetzt, aber sie kam ihm zuvor. „Nein, das war Ratte. Hast du denn wirklich nicht bemerkt, dass du unter die Feen geraten bist?“ Fassungslos sah er sie an. War Órla verrückt geworden? Feen waren Märchenfiguren, gerade gut zu Kinder erschrecken. Niemand glaubte mehr an die Wesen, die sich unter dem Glanz ihres Zaubers versteckten, die sich ihre eigene glitzernde Scheinwelt aus Resten, Übriggebliebenem und Verfall aufbauten, und deren Magie man verfiel, wenn man ihre Gastfreundschaft annahm. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass die Indizien stimmten. Das Verhalten der Gaukler, die beinahe vergebliche Suche, das wunderbare Feuer und die herrlichen Delikatessen, alles passte. Na und? Diese Realität war wunderbar, das Essen war phantastisch, es war warm und fröhlich, und seine neue Führerin war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Warum versuchte Órla, all das ins negative zu drehen? Weshalb gönnte sie es ihm nicht? Er wollte sich schon ganz von ihm abwenden, aber dann zögerte er. Meinte sie es nicht auf ihre seltsame Weise gut? „Liebe Órla, komm einfach mit uns tanzen. Es ist so wunderbar, warum musst du es schlecht reden?“ Er streckte ihr die Hand entgegen, doch es dauert eine Weile, bis sie zugriff. Dabei schaute er in ihr Gesicht, dessen Ausdruck er nicht lesen konnte. Er hatte sie einmal attraktiv gefunden, aber das war, bevor er wahre Schönheit kennengelernt hatte. Saya lachte, während das traurige Schlangenmädchen ihm zum Kreis der Tänzer folgte. Deren Bewegungen ähnelten nichts, was er je bei Hofe kennengelernt hatte. Sie tanzten nicht in Paaren, sie bewegten alle Glieder wie Bäume im Wind ihre Äste, und selbst die Musik passte zu nichts, was er kannte. Die Melodien verschwammen ineinander, wechselten sich ab und verwandelten sich. Er konnte nicht sagen, ob sich die Figuren des Tanzes nach dem Fluss der Noten richtete, oder ob es umgekehrt war. Doch bei alledem blieb der Rhythmus der Musik pulsierend wie ein Herzschlag, und es war, als würden die Musikanten nicht spielen, sondern durch ihre Instrumente sprechen und singen. Adrick stolperte immer wieder, als er versuchte, sich diesem seltsamen Wogen anzupassen. Manchmal konnte er vertraute Schritte ein paar Takte lang anwenden, dann verlor er den Takt, oder der verließ ihn. Er folgte seiner rothaarigen Führerin, studierte ihre Bewegungen, und bemühte sich, sie nachzuempfinden. Sie lächelte, und tiefe Zufriedenheit durchströmte ihn. Dies war das Glück, und er brauchte zum Leben nichts weiter als diesen Tanz und diese Frau, was oder wer auch immer sie war. Órla schob sich wie zufällig zwischen sie, aber Adrick wich ihr immer wieder aus. „Du musst fliehen, Ritter Adrick, du bist in Gefahr “, zischte sie ihm ins Ohr, als sie es endlich doch geschafft hatte, an ihn heranzukommen. „Du redest irre“, gab er erbost zurück und entfernte sich von ihr. Was sollte ihm hier schon zustoßen? Er war am Ziel seines Lebens angekommen, er war unter Freunden, und Órla war eifersüchtig. Mitleidig sah er ihr nach, und schon wollte er sich seiner neuen, wunderschönen Herrin zuwenden, als Órla mit einer abrupten Bewegung ihren Tanz änderte. Sie riss ihre Arme nach oben, bog den Rücken erst nach hinten und dann nach vorne durch, drehte ihren Körper und ihre Glieder wie das Flackern einer Flamme. Er schaffte es nicht, wegzusehen, auch dann nicht, als sie, ohne ihre Figuren zu unterbrechen, das Kleid abstreifte und achtlos zu Boden fallen ließ. Ihre Verbiegungen wurden extremer und schneller, Schweiß lies ihre nackte Haut im Feuerschein glänzen. Niemand sonst schien sie zu beachten, keiner nahm Anstoß oder schien ihre Darbietung auch nur für bemerkenswert zu halten. Adrick erinnerte sich, wie sehr ihre Vorstellung ihn fasziniert hatte. War das wirklich erst gestern Abend gewesen? Es kam ihm so fern und fast vergessen vor. Aber er sollte ihr dankbar sein, denn schließlich war sie es gewesen, die ihn hierher geführt hatte. Órla kugelte sich wie zu einem Ball zusammen, und ihm fiel wieder ein, wie sie aus dem zerbrochenen Tonkrug gestiegen war. Hinter ihr, auf der anderen Seite des Feuers, sah er seine neue Herrin, die nun fast wie ein Teil der Flammen wirkte. Ja, vielleicht war sie eine Elfe, warum auch nicht? Priester und alte Weiber behaupteten, dass die Feen böse waren, aber sie hatten keine Ahnung, sie waren ihnen ja nie begegnet. Er wollte zu ihr, aber Órla rollte geschickt auf ihre Füße, richtete sich auf und war bei ihm. „Wache auf, mein Adrick“, flüsterte sie, und er spürte ihren Atem heiß auf seiner Wange. „Erinnere dich!“ Er schreckte vor ihrer Nacktheit zurück, verfolgte aber fasziniert, wie sie sich nach hinten bog, Arme und Kopf zwischen den Beinen nach vorne streckt und nach seinen Knien griff. Sanft glitten ihre Finger an ihm nach unten, über seine Schuhe und dann auf den Boden. Sie hob die Füße und reckte sie nach oben. Dann strichen ihre Zehen und fassten nach seinem Gesicht, streichelten es und zogen es hinab, so dass er nach unten in ihre traurigen, grauen Augen schaute. „Mein Ritter “, flüsterte sie, „wach auf, schau wo du bist, und schau sie dir an, wie sie wirklich ist.“ Ihre Beine umschlangen ihn für einen Moment, dann stieß sie ihn fort und richtete sich auf, um ihren einsamen Tanz fortzusetzen. Adrick stand zerrissen zwischen den beiden Frauen, sein Blick sprang zwischen ihnen hin und her. Er durfte ihnen doch nicht weh tun, beiden nicht. Aber die rote Fee drehte sich in ihrem Reigen mit den anderen Gauklern, ohne ihn auch nur zu beachten. Wie sie wirklich war? Er schaute sie an, musterte ihr spitzes Gesicht, das seltsam füchsisch wirkte, die großen Ohren und das wirre, verfilzte Haar. Ihr Kleid schien aus zerrissenen Fetzen zu bestehen. Das war unmöglich! Er blinzelte, und die triste Illusion war verschwunden, sie war wieder eine wunderschöne Prinzessin im funkelnden Flammenkleid. Doch er erinnerte sich auch an die Flötenspielerin in ihrem bunten Kostüm, die Órla in die Kiste eingeschlossen hatte. Und als er sich nach dem Schlangenmädchen umschauen wollte, sah er für einen Moment im Augenwinkel wieder das Lumpenkleid, seltsame Gestalten mit Hörnern und Flügeln, schäbig graue Wagen und ein kleines, kaum noch brennendes Lagerfeuer. Verwirrt blickte er umher, aber wo immer er etwas fixierte, war alles wie zuvor. Nur Órla stand nun still zwischen den Tänzern und schaute ihn an. Langsam trat sie auf ihn zu und umarmte ihn. „Du erkennst es jetzt, nicht wahr? Es ist alles Blendwerk, nichts ist hier, wie es scheint.“ Mit den Zehen griff sie ihr am Boden liegendes Kleid und streifte es über. „Du musst fliehen, mein schöner Ritter, ehe es zu spät ist.“ „Nein, ich will bei euch bleiben!“ Konnte denn nicht alles schön sein, so lange er nicht durch den Zauber schaute? „Ich will bei dir bleiben.“ „Und dann“, fragte sie, „was glaubst du, was dich hier erwartet?“ „Ich kann euch beschützen, ich kann mit euch auftreten.“ Noch während er sprach merkte er, wie wenig er selber seinen Worten glaubte. Órla sprach es aus. „Und was wäre deine Kunst? Du bist nicht einmal ein Wunderkind, das man bestaunen könnte, dir fehlt nichts, und du hast nichts zu viel. Und deine Verteidigung brauchen sie nicht.“ Langsam doch bestimmt bugsierte sie ihn aus dem Licht in den Schatten der Wagen. „Dann komme mit mir!“ „Nein, das geht nicht.“ Sie schaute zu Boden, um eine Träne zu verbergen. „Ich gehöre nirgendwo mehr hin als hierher. Ich bin zu lange bei ihnen, um noch etwas anderes zu haben.“ „Lass uns in deine Heimat gehen“, schlug er hilflos vor, aber sie antwortete mit einem bitteren Lachen. „Weißt du, wie lange ich schon bei ihnen bin? Nein, nicht einmal ich weiß das. Vielleicht sind es hundert Jahre, vielleicht viel mehr. Zeit bedeutet hier etwas anderes, und meine Heimat existiert nicht mehr. Ich weiß ja nicht einmal, wo sie ist, und ob sie mich gekauft oder gestohlen.“ Adrick sah sie fassungslos an, und er wollte sie tröstend in die Arme nehmen, doch sie stieß ihn ungeduldig von sich. „Du musst gehen, jetzt, ehe es zu spät ist. Was glaubst du, was sie mit dir tun wollen? Du taugst nicht für den Zirkus, bestenfalls als Sklave. Vielleicht verkaufen sie dich nur, vielleicht opfern sie dich ihren Göttern. So wie die andern, die ich zu ihnen gelockt habe.“ Im Reflex wollte er nach seinem Schwert greifen, aber es war nicht da. „Sie haben es längst vergraben, und dein Pferd gehört jetzt ihnen. Lauf endlich, du dummer Ritter!“ Er griff ihre Hand und zog sie mit sich in die Dunkelheit. Sie wehrte sich, stolperte, und folgte ihm schließlich, als hinter ihnen ein Tumult begann. Seine Flucht war entdeckt. Der Boden unter seinen Stiefeln wurde immer weicher, und nun zog Órla ihn nach rechts. „Hier ist es fester “, flüsterte sie. „Folge mir und sei leise!“ Sie führte ihn immer tiefer ins Moor, an geisterhaft dürren Birken vorbei, immer wieder die Richtung korrigierend, wenn der Grund zu gefährlich wurde. Das Feuer wurde in der Ferne immer kleiner, aber die Stimmen der Verfolger blieben hinter ihnen. Nun stieg der Boden sanft an und wurde fest. Adrick stolperte über einen Stein, richtete sich auf ihn rannte weiter, immer hinter Órla, die sich auf wundersame Weise in der Dunkelheit zurechtfand. Es ging kurz bergab und wieder bergauf, und wieder wurde es steinig. „Grabhügel! Hier ist es gefährlich“, rief er atemlos entsetzt. „Besser Geister als Feen“, zischte sie zurück. „Und sei leise, sie dürfen uns nicht hören!“ Sie führte ihn auf einem verschlungenen Pfad zwischen Hügeln und Sumpf, bis sie schließlich vor ihm stoppte. „Hier! Da herunter “, befahl sie kaum hörbar. Fast wäre er gestürzt, ehe er erkannte, dass hier Stufen herab führten. Er tastete sich nach unten und erreichte nach wenigen Schritten einen verschütteten Eingang. „Bleib unten.“ Sie streichelte über seine Wange und berührte seine Lippen. „Es tut mir so leid!“ Adrick sah, dass ihre andere Hand auf ihn zuschoss, und dann spürte er einen Schlag auf den Kopf und sank zu Boden. „Hier ist er nicht“, hörte er sie noch rufen, „er ist in die andere Richtung gelaufen!“ Dann verlor er das Bewusstsein. Die Sonne stand hoch am Himmel, als er endlich wieder zu sich kam. Das Gras war feucht, und er fror. Warum war er nicht im Bett? Nur ganz langsam kamen die Erinnerungen. Ein Tanz, ein Feuer, die Flucht. Und das wunderbare Schlangenmädchen. Er wollte aufstehen, aber der Schmerz in seinem Kopf ließ erst nicht mehr als ein Sitzen zu. Seine Finger ertasteten eine Beule und geronnenes Blut. Richtig, sie hatte ihn geschlagen. Vorsichtig richtete er sich auf, schaute über den Rand des Treppenabgangs und erstieg, als er sich sicherer fühlte, endlich den Hügel. Niemand war zu sehen, kein Feuer, keine Wagen und keine Menschenseele, nur Gräber und endloses Moor unter einem blassen, blaugrauen Himmel.